Ethik der Hygiene? Probleme, Pflichten, Beispiele – Hans Werner Ingensiep

Eine „Ethik der Hygiene“ kommt bisher in der Ausbildung junger Mediziner zu kurz, und dass obwohl die Folgekosten wie auch die gesundheitlichen Folgen für die Patienten enorm sein können. Vier deontologische Argumentationsmuster können bei der Entwicklung einer solchen Ethik zum Tragen kommen: 1. Das klassische hippokratische „zuerst nicht schaden“-Prinzip, 2. Die individuelle Tugendpflicht der Selbstfürsorge zur Reinlichkeit, 3. Pflichten gegen die Gemeinschaft und 4. Pflichten gegen zukünftige Generationen. Die unzureichende Händedesinfektion seitens des Personals in deutschen Krankenhäusern führt die Dringlichkeit einer verbesserten hygieneethischen Ausbildung in erschreckendem Ausmaß vor Augen. Der Fall von Ignaz Philipp Semmelweis (1818-1865), der trotz seiner Arbeit im „vorbakteriologischen Zeitalter“ einen wesentlichen Anteil an der Beseitigung des Kindbettfiebers hat, lässt auch Rückschlüsse auf die Gegenwart zu. Sowohl die Hinterfragung eines bestimmten ärztlichen Selbstverständnisses als auch der mediale Umgang mit Hygienezwischenfällen und –krisen lassen sich hier spiegeln. So führen Hygienefehler zwischen 1996 und 1999 im Uniklinikum Gießen zu 28 Infektionen mit einem Klebsiella-Bakterium. Eine Klage von Eltern eines seitdem schwerstbehinderten Kindes führte zu immensen Schmerzensgeld-Zahlungen seitens des Klinikums. Diese persönlichen und finanziellen Schäden lassen die Hinterfragung zugrunde liegender ethischer Grundsätze als extrem dringliches Unterfangen erscheinen. Der klassische hippokratische Eid liefert dabei trotz seiner antiken medizinischen Grundlagen den wichtigsten Grundsatz, den man sich im klinischen Alltag immer wieder vor Augen führen muss: „zuerst nicht schaden“. Hygienefehler führen zu gesundheitlichen Schäden bis hin zum Tode von Patienten und müssen deshalb genauso gezielt verhindert werden, wie andere ärztliche Fehler etwa in der Chirurgie auch. Die Pflicht zur hygienischen Selbstfürsorge schließt sich diesem einfachen Prinzip nahtlos an: Hygiene darf genauso wenig vor dem privaten und intimen Raum halt machen, wie das Infektionen tun. In einer Solidargemeinschaft ist der Einzelne schon aus reinen Kostenerwägungen zu hygienischem Verhalten im Hinblick auf die Gemeinschaft verpflichtet. Eine dazukommende ethische Verpflichtung ist alles andere als eine absurde Folgerung. Eine Verpflichtung zukünftigen Generationen gegenüber ist gerade im Hinblick auf den jetzigen Umgang mit und der Prophylaxe von Hygienezwischenfällen geboten.

Rechtliche Aburteilung von offenkundigen Hygienefehlern mag bei dem einen oder anderen das Gefühl hervorrufen, das Recht könne Hygieneprobleme lösen. Gerade im Bereich der Hygiene ist das Recht, das äußere Handlungen zwischen Menschen regelt, aber weitgehend hilflos. Hier gilt es, eine innere Gesinnung zu entwickeln, die über die Ethik die guten Gründe für hygienisches Handeln (im Alltag wie auch besonders im Krankenhausbereich) verinnerlicht und plausibel macht.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: H. W. Ingensiep / W. Popp (Hrsg.): Hygiene und Kultur. Interdisziplinäre IOS-Schriftenreihe Band 2. Essen: Oldib-Verlag 2012.

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